«Müsste ich auswählen, wäre es diese Feier»

«Müsste ich auswählen, wäre es diese Feier»

Lea Walzer hilft bei der Offenen Weihnachtsfeier der Heilsarmee Bern mit.
Lea Walzer hilft bei der Offenen Weihnachtsfeier der Heilsarmee Bern mit.
© Andrian Moser / Der Bund / Limitierte Rechte

Ihre Eltern sind Heilsarmee-Offiziere. Doch nicht deswegen hilft die 21-jährige Lea Walzer an der Offenen Weihnachtsfeier mit.

Ihre Eltern sind vollamtliche Heilsarmee-Offiziere. Doch nicht deswegen hilft die 21-jährige Lea Walzer morgen an der offenen Weihnachtsfeier der Heilsarmee mit, sondern weil sie die «extrem gute Stimmung» beeindruckt - und die enorme Dankbarkeit. Der Christbaum im Saal der Heilsarmee in Bern ist geschmückt: Morgen wird Lea Walzer mit einem Team über 120 Gästen ein Festtagsmenü servieren. Foto: Adrian Moser Markus Dütschler Sicher ist es auch ein Stück «family business», wenn Lea Walzer morgen mehr als 120 Gästen ein Festmahl servieren wird: Familien, Alleinstehenden, Flüchtlingen, Einsamen, Randständigen. Denn Leas Eltern Markus und Irene Walzer-Steffen sind Heilsarmee-Offiziere.

Dennoch werde sie von den Eltern nicht aufgeboten, schon gar nicht herkommandiert. «Ich mache das sehr freiwillig», sagt die 21-Jährige, die an der Berner Fachhochschule Soziale Arbeit studiert. Sie sei mit der Feier aufgewachsen. Seit sie sich erinnern könne, gehöre dies zu Weihnachten. Es sei für sie nicht irgendeine Feier, sagt Lea Walzer, in deren Familienkreis das Fest der Geburt Jesu in verschiedenen Konstellationen begangen wird.

«Müsste ich eine einzige Feier auswählen, nähme ich diese», sagt sie bestimmt. Im Saal der Heilsarmee herrsche eine «extrem gute Stimmung», es sei feierlich, und man spüre eine «mega Dankbarkeit». Das sei für die Helferinnen und Helfer sehr befriedigend: «Es kommt viel zurück.»

Kein Schubladendenken
Früher, als die Heilsarmee eine forsche militärische Wortwahl pflegte und ihre Broschüre» Der Kriegsruf» hiess, wurde der Anlass an Heiligabend Armenweihnacht genannt. Davon sei man weggekommen, da man Menschen nicht in Schubladen stecken wolle.

Nun heisst sie Offene Weihnachtsfeier, damit sich alle angesprochen fühlen. Armut, das zeigen die Erfahrungen der Heilsarmee, kann sich auf verschiedene Weise zeigen, als materielle oder als Beziehungsarmut. Es kann ein Sozialempfänger sein, aber auch eine Person, die eine wüste Scheidung hinter sich hat, ein Flüchtling mit unklarem Aufenthaltsstatus oder ein Mensch, der aus anderen Gründen kaum Sozialkontakte hat. An Heiligabend werden die Gäste den Saal der Heilsarmee an der Laupenstrasse betreten, wo sie begrüsst und mit einem Glas Punsch versorgt werden. Dann suchen sie sich einen Platz aus. Es gibt eine Begrüssung, man singt gemeinsam «O du fröhliche», begleitet von Leas 17-jährigem Bruder Lukas am Flügel.

Suppe - Seife - Seelenheil
Dann erheben sich die etwa 20 Helferinnen und Helfer, die an den Tischen verteilt sitzen, und holen die Vorspeise. Das Festmahl stammt aus der Küche des Heilsarmee-Männerheims Buchseegut in Köniz und wird in Wärmeboxen geliefert. Die Teller werden an einer «Fassstrasse» angerichtet und von den Helfern am Platz serviert, damit es die Gäste ruhiger haben. Es gebe auch so ein ziemliches «Gläuf», sagt Lea Walzer.

Nach der Vorspeise kommt der Teil mit der Weihnachtsgeschichte, in der sich Gott der Menschheit in Gestalt eines verletzlichen Kindes offenbart, das unter prekären Verhältnissen in einem Stall zur Welt kommt, weil alle Herbergen voll sind. Nach dem Hauptgang folgt eine Andacht, «keine lange Predigt», wie Lea Walzer betont. Doch die Heilsarmee ist bekannt für den Slogan, der nicht nur die Worte Suppe und Seife umfasst, sondern auch Seelenheil. Alkohol gehört nicht dazu. «Das ist allgemein bekannt, und niemand hat bisher deswegen reklamiert.»

Lea Walzer selbst schätzt einen Schluck Wein, auch wenn sie zum Freundeskreis der Heilsarmee gehört, dessen Angehörige sich verbindlich in der Freikirche einbringen. Doch nur die Salutisten und Offiziere, die Uniform tragen, legen das Versprechen ab, abstinent zu leben. Nicht aus Angst vor dem Alkohol, sondern um Abhängigen zu zeigen, dass man sehr gut ohne leben kann. Über all die Jahre hat die Heilsarmee mit dem Anlass viele Erfahrungen gesammelt und wird darum mit fast jeder Situation fertig. Da auch schon muslimische Flüchtlinge zu Gast waren, serviert man kein Schweinefleisch.

Eine behinderte Person bekam jeweils einen persönlichen Helfer zur Seite gestellt. Unprogrammgemäss war, als Kinder im Foyer unerlaubt in die «Bhaltis»-Säckli griffen und so viele Güezi assen, dass es einem Kind übel wurde. Und manchmal bekommen die aussenstehenden Helfer, die für andere da sein wollten, selbst Zuwendung - indem sie beim Aufräumen en passant über ein zermürbendes familiäres Problem sprechen können.

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Quelle: Der Bund (23.12.2017)