Mission hinter Gittern

Mission hinter Gittern

Majorin Hedy Brenner ist Leiterin des Gefängnisdienstes.
Majorin Hedy Brenner ist Leiterin des Gefängnisdienstes.
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Die Heilsarmee baut ihren Einfluss in Gefängnissen aus - die Freikirche löst dabei Protest aus.

Zwölf Männer in grauen Traineranzügen stehen in einem grauen Raum und murmeln das Vaterunser. In einer Ecke steht eine kleine Plastiktanne mit roten Kugeln. Es ist eine von fünf Weihnachtsfeiern im Zentralgefängnis Lenzburg. Nach der halbstündigen Feier sitzen die Gefangenen noch ein paar Minuten bei Erdnüssen und Kaffee um den Tisch. Der reformierte Pfarrer, der die Feier leitet, wahrt Distanz und spricht die Gefangenen mit Sie an.

Eine andere Rolle übernimmt der Gitarrist, der einige Lieder begleitet hat. Es handelt sich um einen Major der Heilsarmee. Er tritt als Kumpel auf, der die Insassen duzt. Er wird im Gefängnis immer wichtiger. Im September erhöhte er sein Pensum in der Anstalt von 40 auf 100 Prozent.

Die Heilsarmee ist eine evangelikale Freikirche und baut ihre Aktivitäten schweizweit aus. Dieses Jahr hat sie 3000 Weihnachtspakete an Insassen verschickt und 1800 Gefängnisbesuche absolviert. Vor zwanzig Jahren waren es erst 800 Pakete und gut 1000 Besuchstermine. Hedy Brenner (62) leitet den Gefängnisdienst der Heilsarmee und trägt zum Gespräch in der Berner Zentrale ihre Uniform. Gleich danach trete sie an der Weihnachtsfeier in der Berner Justizvollzugsanstalt Thorberg auf, erklärt sie und sagt: «Wir haben unser Engagement in den Gefängnissen kontinuierlich ausgebaut. Wir investieren mehr Mittel und mehr Personal.» Die Weihnachtszeit sei für viele Insassen besonders hart. Dann hätten sie das grösste Heimweh und die grössten Schuldgefühle. «Unsere Geschenke sind ein Zeichen dafür, dass sie nicht vergessen gehen», sagt sie. Die Nachfrage nach den Diensten der Heilsarmee steige, weil die Gefängnisstrafen tendenziell länger würden und die Insassen immer älter. Viele hätten mit der Zeit niemanden mehr, der sie besuche.

Muslime poltern an die Zellentüren
Die Heilsarmee stösst mit ihrer Offensive jedoch manchenorts auf Widerstand. Marlise Pfander (67) ist ehemalige Leiterin des Berner Regionalgefängnisses und hatte die Tradition eingeführt, mit der Heilsarmee an Weihnachten ab 7 Uhr morgens auf jeder der fünf Etagen mit Posaunen und Trompeten aufzumarschieren und «Stille Nacht» zu intonieren. Mehrere Muslime protestierten und polterten an die Zellentüren. In den 90er-Jahren lappten die Mehrheitsverhältnisse in den Gefängnissen.

Zuvor waren die meisten Insassen Schweizer, heute sind doppelt so viele Ausländer. Muslime bilden in vielen Gefängnissen die grösste Religionsgruppe. Pfander erinnert sich an die Auseinandersetzungen und zitiert sich selbst: «Ihr seid hier in einem christlichen Land, respektiert unsere Tradition», habe sie ihnen gesagt, «wir respektieren eure auch.» Ihre Nachfolgerin teilte der Heilsarmee jedoch mit, dass ihre Präsenz nicht mehr erwünscht sei. Heilsarmee-Offizierin Brenner bedauert den Entscheid, räumt aber ein, sie könne nachvollziehen, dass sich einige Insassen gestört fühlten und die Auftritte als «Zwangsbeglückung» wahrgenommen hätten.

Gefährliche Socken
In den Gefängnissen von Biel und Schaffhausen singt die Heilsarmee allerdings weiterhin auf den Gängen. In 18 Institutionen gestaltet sie Weihnachtsfeiern, in 24 verschickt sie Pakete. Auch die Pakete sind nicht überall willkommen. Einige Gefängnisse stufen sie als Sicherheitsrisiko ein und scheuen den Aufwand, den Inhalt der Paketflut zu kontrollieren. Heikel ist zudem das wichtigste Stück im Päckli: die handgestrickten Socken.

Mit dem Geschenk Gottes kann man sich erhängen. Die diesjährige Botschaft der Weihnachtskarte der Heilsarmee lautet: «Wer weise ist, sucht Jesus.» Als die Heilsarmee vor knapp hundert Jahren ihre Aktivitäten in Schweizer Gefängnissen aufnahm, war es erwünscht, dass sie missionierte und die Insassen auf den richtigen Weg führte. Heute ist es ihr nicht mehr erlaubt, Gefangene zu bekehren. Komische Heilige in Uniformen? Brenner weiss, welches Bild von ihren Offizieren und Soldatinnen verbreitet ist.

Umdenken in Sachen Sicherheit
Sie würden von einigen Leuten als «komische Heilige in Uniformen» und «Fundamentalisten einer Freikirche» wahrgenommen, sagt sie. Richtig sei, dass sie eine christliche Organisation seien und Jesus als Retter sowie die Bibel als Wort Gottes sähen: «Wenn Gefängnisinsassen Interesse für den Glauben zeigen, unterstützen wir sie dabei. Wir zwingen diesen aber niemandem auf. Es wäre gegen die christliche Lehre, Leute zu manipulieren.» In den 60er-Jahren durfte die Heilsarmee sogar mit Kindern der Sonntagsschulen Verbrecher besuchen.

Der Mord am Zollikerberg 1993, bei dem ein Häftling auf einem Ausgang eine Pfadfinderin umbrachte, führte zum Umdenken bei der Sicherheit. Heute ist der Zugang strikt reglementiert. Die Offiziere der Heilsarmee treten inzwischen als freiwillige Besucher auf mit weniger Möglichkeiten als offizielle Seelsorger. Die Heilsarmee engagiert sich dafür, in den Gefängnissen einen höheren Status und dadurch einen erleichterten Zugang zu erhalten. Der erste Schritt dafür: Die Heilsarmee kämpft für eine Anerkennung bei der Standesorganisation, dem Schweizer Verein für Gefängnisseelsorge.

Dieser wird an der Generalversammlung im März 2018 darüber diskutieren, sich zu öffnen und die Heilsarmee aufzunehmen. Das Vorhaben ist umstritten. Es gibt Stimmen, die davor warnen, das Profil der Gefängnisseelsorger zu verwässern. Der reformierte Pfarrer Andreas Pauli, der die Feier in Lenzburg leitet, befürwortet eine Aufwertung der Heilsarmee. Er wird vom Gefängnisdirektor jeweils um Rat gefragt, wenn religiöse Vertreter um Zugang bitten.

Bei mehreren Freikirchen legte er sein Veto ein, nicht aber bei der Heilsarmee. Sie sei eine gute Ergänzung zum Angebot der Landeskirchen, findet er.

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Quelle: Schweiz am Wochenende (23.12.2017)