Mit offenen Herzen

Mit offenen Herzen

© Livia Hofer / Lizenzfrei

Die Sergeanten Fred und Ruth Schulze leiten das Heilsarmee Open Heart in Zürich und bieten Gebet auf offener Strasse an.

Kreativ, unkonventionell und mit einem offenen Herzen für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, gehen Fred und Ruth Schulze ans Werk. Davon, wie sie ihre Mission als Gesamtleiter des Sozialdiakonischen Zentrums Open Heart im Zürcher Kreis 5 erfüllen, haben die beiden Heilsarmisten so manches amüsant-berührende Müsterchen zu erzählen.

Mit Weihnachtsbaum und „Unheilig‟
Zum Beispiel vom fahrenden Weihnachtsbaum: „Zu Weihnachten liehen wir uns einen hölzernen Leiterwagen vom Landwirt aus, stellten eine festlich beleuchtete Tanne darauf, fuhren damit durchs Quartier und luden die Leute von der Strasse zum Weihnachtsfest im Open Heart ein‟, berichtet Fred Schulze. Dazu wurde „Kling Glöckchen klingelingeling“ abgespielt: einmal gesungen von Helene Fischer, ein zweites Mal hardcoremässig vom Graf der Gruppe Unheilig. „Die Leute schauten aus dem Fenster, wir kamen mit den Nachbarn ins Gespräch, es war ganz spannend.‟ Das Resultat: Es kamen 50 Leute – Randständige, sozial Schwache, auch Schweizer, ein ganzer Trupp Jugendlicher aus Äthiopien, die nicht wussten wohin. „Zu essen boten wir eine spezielle herzförmige Pizzakrea-tion an – sie war der Renner!‟

Menschen auf der Strasse dienen
Die Eheleute, Mitglieder im Korps Zürich Oberland, sind Quereinsteiger. Zuvor in einer anderen Freikirche, hätten sie zu wenig Möglichkeit gehabt, zu den Leuten hinauszugehen. Ihnen sei aber wichtig, den  Menschen zu dienen. „Jetzt können wir auf der Strasse sein – ja, die Strasse kommt gar zu uns! Wir gehen manchmal raus mit Sandwiches und rufen: ‚Hier ist die Heilsarmee – wer hat Hunger?  Manchmal treffen wir Prostituierte an, die Leute strömen herzu.‟ Ruth und Fred Schulze bieten auch Gebet an, wenn jemand humpelt oder Schmerzen hat. „Das wird oft gerne angenommen. Wir bitten Gott um Heilung.‟

Flexibler Raum
Das Open Heart ist an der Luisenstrasse 23 in Zürich angesiedelt. Im oberen Stockwerk befinden sich die Büros, ausserdem eine Dusche, eine Kleiderstube, eine Schlafkammer für den Pikettdienst und ein Seelsorgeraum. Alles andere – das gesamte öffentliche Programm von Open Heart – spielt sich im grossen Saal im Erdgeschoss ab. Dieser wird nach Bedarf als Notschlafstelle und Meeting-Point, für Gottesdienste und Gebetszeiten, zur Abgabe von Lebensmitteln und zum gemeinsamen Abendessen umfunktioniert.

Duschen, essen, schlafen
„Das Motto ‚Suppe, Seife, Seelenheil̔ wird hier praktisch gelebt: Wir können den Menschen ganzheitlich begegnen‟, sagt Fred Schulze. Von Januar bis April werden zwölf Schlafplätze ausgefahren: zwei dreistöckige Kajütenbetten plus sechs weitere Matratzen. Wer hier übernachtet, muss das Haus am nächsten Morgen um 8 Uhr nach dem Frühstück wieder verlassen. Der Meeting Point am späten Nachmittag bis in den Abend ist eine Zeit der Gemeinschaft. Dreimal pro Woche besteht die Möglichkeit zu duschen. Wer danach etwas essen will, kann bleiben:  Mit frischen Produkten der Schweizer Tafel wird eine Low-Budget-Mahlzeit angeboten.

Gebet und Heilung am Kreuz
Zur Lebensmittelabgabe, dem sogenannten OH-Event, sind nur Personen mit Berechtigungskarte zugelassen. „OH-Events sind für uns aber mehr.‟ Seit Fred und Ruth Schulze vor anderthalb Jahren die Leitung übernommen haben, wandeln sich diese Events mehr und mehr in Gottesdienste: „Wir begrüssen die Leute mit Gebet, wir begrüssen Gott, wir danken für die Lebensmittel.‟ Es folgt eine Kurzbotschaft von Ruth, welche die Gabe hat, die Leute „abzuholen‟. Und beim Schlusssegen gibt̓s Applaus – „weil sie merken, dass etwas dahinter ist‟. Und auch hier werden die Leute, wenn sie Schmerzen oder Sorgen haben, zum Gebet eingeladen. „Wir erleben immer wieder Heilungen, wenn wir mit den Menschen am Kreuz beten. Seit wir hier sind, sind schon zwölf Menschen zum Glauben gekommen‟, so die Sergeanten.

Nur Christus schenkt Freiheit
Das Open-Heart-Motto, welches sich das Leiter-Ehepaar von Gott schenken liess und das sich durch all ihre Angebote zieht, lautet: Familie, Freundschaft, Freiheit in Christus. „Für viele sind wir Familie, weil sie sonst niemanden haben. Da wir in unserem kleinen und vertrauten Rahmen die Leute kennen, sind wir in Freundschaft verbunden. Letztlich kann aber nur Christus die Menschen in Freiheit führen und ihre Bedürfnisse stillen‟, fasst Ruth Schulze zusammen. Das Open Heart gehört dem Evangelisationswerk an und arbeitet spendenabhängig. „Dies gibt uns den Freiraum zu predigen. Wenn jemand das nicht hören möchte, braucht er nicht zu kommen, es gibt in der Stadt Zürich zahlreiche weitere Angebote. Jene aber, die kommen, nehmen unser Angebot sehr gerne an.‟ Wenn es tiefer geht, bietet Fred Schulze auch Seelsorge an. „Und immer mehr kristallisiert sich das Gebet als Arbeitszweig heraus.“

 

Autor
Livia Hofer