Die Vielfalt der Religionen als Chance

Die Vielfalt der Religionen als Chance

Ken Dyck flickr.com
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Im Kontakt mit ihren Klienten und Angestellten kommt die Heilsarmee täglich in Berührung mit anderen Religionen.

 

Major Daniel Imboden, Direktionsmitglied und Abteilungsleiter Personal, und Lukas Flückiger, Geschäftsleiter der Heilsarmee Flüchtlingshilfe, sprechen über die Chancen und Herausforderungen, welche die religiöse Heterogenität einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft in einer christlichen Organisation mit sich bringt.

Welche Bedeutung hat der Glaube der einzelnen Mitarbeiter in einer christlichen Organisation wie der Heilsarmee?
Major Daniel Imboden: Das hängt davon ab, von welcher Art Mitarbeit wir sprechen. Wenn sich jemand für eine Stelle bewirbt, prüfen wir normalerweise, ob diese Person über die geforderten Kompetenzen und die nötige Motivation verfügt. Dann stellt sich die Frage des Glaubens nicht in erster Linie. Aber für gewisse Stellen ist der Glaube ein wesentlicher Faktor im Anforderungsprofil.

Lukas Flückiger: In der Flüchtlingshilfe arbeiten wir mit einem professionellen sozialen Berufsverständnis. Laut den Leistungsverträgen sollte die Religion keine Rolle spielen. Die Mitarbeitenden müssen in der Lage sein, unseren Klienten neutral zu begegnen. Ich würde sagen, dass es bei uns grundsätzlich drei Gruppen gibt: Christen, Muslime und Mitarbeiter, für die die Religion unwichtig ist.

Daniel: Natürlich gibt es auch Stellen, für die man Christ sein muss oder sich zumindest mit den christlichen Werten identifizieren sollte. Zu diesen Werten gehören Würde, Hoffnung, Freiheit, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Verantwortung und Versöhnung. Es wäre zum Beispiel undenkbar, dass jemand im Offiziersdienst steht oder als Mitglied der Direktion fungiert, der nicht Christ ist. Für einen Chauffeur der brocki.ch wäre dies hingegen kein entscheidender Faktor.

Sind sich alle Mitarbeiter bewusst, dass sie für eine christliche Organisation arbeiten?
Daniel:
Ja, normalerweise werden das Leitbild und die Werte bei einem Vorstellungsgespräch präsentiert. Falls dies einmal nicht geschehen sollte, wird sich die Frage spätestens in der alltäglichen Arbeit stellen. Einige Mitarbeiter entscheiden sich bewusst für eine Organisation, die christliche Werte vertritt. Für andere wiederum ist dies nicht ausschlaggebend, sie wollen einfach einen guten Arbeitsplatz haben.

Lukas: Jeder Mitarbeiter wird beim Vorstellungsgespräch gefragt, ob er sich mit den christlichen Werten identifizieren kann, andernfalls wäre er nicht eingestellt worden. Wir gehen mit dieser Frage sehr behutsam um.  Wenn wir gegenüber Muslimen christliche Themen direkt ansprechen würden, müssten wir wahrscheinlich mit einer gewissen Zurückhaltung rechnen. Doch sprechen wir mit ihnen über Hoffnung, Freiheit und Nächstenliebe, gibt es kein Problem. Wir erwarten, dass diese Werte geteilt werden können. Es ist wichtig, deutlich zu machen, dass wir eine christliche Organisation sind. Wir können und müssen das nicht verbergen.

Daniel: Manchmal sagt man, wir seien ein „Tendenzbetrieb“, und das stimmt. Wir sind nicht neutral in Bezug auf die Religion, wir haben eine Ausrichtung. Die Leute müssen sich darauf einstellen. Wir dürfen unsere christliche Motivation nicht verstecken, im Gegenteil, wir sollten diesbezüglich sehr transparent sein. Jemand, der das nicht verstehen kann, wird natürlich nicht für die Heilsarmee arbeiten, denn das wäre, wie wenn ein Anti-Rauch-Aktivist für Marlboro arbeiten würde.

Erleben Sie die Zusammenarbeit mit Menschen verschiedener Religionen eher als eine Herausforderung oder als Chance?
Daniel:
Ich denke, es ist beides möglich. Eine solche Zusammenarbeit kann in der Gesellschaft im Allgemeinen zu Problemen führen, weil bestimmte Dinge, wie bekannte christliche Symbole oder Kontexte, nicht mehr für alle klar verständlich sind. Zum Beispiel, dass am Sonntag früher nicht gearbeitet wurde, weil man den Gottesdienst besuchte, oder auch das Läuten der Kirchenglocken. Heute wird alles in Frage gestellt und manchmal ist es schwierig, mit Menschen zu arbeiten, die den Sinn hinter diesen Dingen nicht mehr sehen. Gleichzeitig erhalten wir dadurch die Gelegenheit, unsere Sitten und Traditionen zu hinterfragen und uns zum Beispiel zu überlegen, weshalb wir am Sonntag nicht arbeiten wollen. Falls es nur darum geht, einen Ruhetag zu haben, könnten wir dafür doch auch einen anderen Wochentag wählen. Es gibt Menschen, die vielleicht in einem Krankenhaus oder in der Flüchtlingshilfe angestellt sind und am Sonntag arbeiten müssen. Wenn Personen aus anderen Kulturen – zum Beispiel Flüchtlinge – uns beobachten und fragen, weshalb wir uns so verhalten, dann ist das für uns eine Chance, uns an die Gründe zu erinnern und unsere Motivation zu erklären.

Lukas: In den Kollektivunterkünften leben all die verschiedenen Religionen, Nationalitäten und Kulturen unter einem Dach. Ich denke, dass es eine Chance ist, wenn unser Team in Bezug auf den Glauben heterogen ist. Es hilft uns, ein besseres Verständnis für die Menschen zu entwickeln, die wir begleiten, und es verhindert, dass Entscheidungen vorschnell getroffen werden, ohne die Hintergründe zu kennen.

Wie sieht das Zusammenleben der verschiedenen Religionen in der Praxis aus?
Lukas: Die Religionen werden besonders an religiösen Festen wie Ramadan oder Weihnachten sichtbar... Es sind auch diese Momente, in denen Fragen aufkommen. Darf die Küche während des Ramadans in der Nacht benützt werden? Bis wann dürfen die Festlichkeiten an Ostern dauern? Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden. Wir entschieden uns, den Aktivitäten in den Unterkünften nicht einfach freie Hand zu lassen. Wir können unseren Klienten nicht die ganze Nacht hindurch Zugang zur Küche gewähren. Aber wir erlauben ihnen, die Küche nach Sonnenuntergang bis 22 Uhr oder Mitternacht zu benützen und ein Klient ist dafür verantwortlich, die Küche so zu reinigen, dass sie am Morgen sauber ist. Wenn diese Abmachung nicht funktioniert, wird sie aufgehoben. Solche Vereinbarungen dürfen niemals zulasten der anderen Bewohner gehen.

Wir müssen immer darauf achten, dass wir an alle Religionen denken. Wenn wir den Christen etwas erlauben, müssen wir auch bei den anderen Religionen Zugeständnisse machen. Alle sollten gleiche Rechte haben, auch wenn die Christen in den Heilsarmee vielleicht einen kleinen Vorteil haben könnten. So stellen wir an Weihnachten Bibeln zur Verfügung, das machen wir mit anderen religiösen Büchern nicht. Ein Imam oder ein Vertreter einer anderen Religion könnte das tun, aber es liegt nicht an uns, dies zu organisieren.

Wie kann die Heilsarmee ihren Auftrag – die Verkündigung des Evangeliums – in diesem multireligiösen Kontext wahrnehmen?
Daniel:
Ich möchte dies präzisieren, die Heilsarmee hat einen doppelten Auftrag: Sie soll das Evangelium verkünden und die menschliche Not lindern. Je nach Situation stellt sich uns deshalb die Frage, ob die beiden Aufträge notwendigerweise miteinander verbunden sein müssen und inwieweit sie gemeinsam durchzuführen sind. Können wir die Aufträge voneinander trennen und wenn ja, welcher Auftrag steht an erster Stelle? Ich finde es nicht gut, wenn wir den Menschen zwar helfen, aber stets im Hinterkopf behalten, dass wir sie irgendwann bekehren können. Es wäre falsch, wenn unsere Hilfe an eine Bedingung geknüpft ist. Ob die Person glaubt oder nicht, nachdem wir ihr geholfen haben, steht für uns nicht im Vordergrund. Wenn immer jemand in Not ist, bieten wir unsere Unterstützung an.

Lukas: Franz von Assisi sagte: „Predige das Evangelium zu jeder Zeit und wenn nötig, benutze Worte.“ In der Flüchtlingshilfe dürfen wir gemäss den kantonalen Vorgaben nicht „predigen“. Wir bekämen Probleme, wenn wir es trotzdem täten. Aber wir können die christlichen Werte leben und auf diese Art Zeugnis ablegen und das Evangelium verkünden. Vielleicht könnte man den christlichen Auftrag mit einem Kuchen vergleichen. Das Predigen des Evangeliums ist das Sahnehäubchen, aber auch ohne ist der Kuchen immer noch appetitlich. Wenn ein Klient oder Mitarbeiter mehr über unseren Glauben erfahren möchte, können wir persönlich mit ihm sprechen oder ihn an ein ein Korps weiterleiten. In der Heilsarmee verfügen wir zum Glück über ein wichtiges Netzwerk, in dem viele Angebote bereitgestellt werden. Doch die Kontaktaufnahme muss freiwillig geschehen. Das Christentum ist eine Religion der Freiheit und darf niemals aufgezwungen werden. Wenn wir diese Offenheit und Aufrichtigkeit konkret ausleben, ist dies ein starkes Signal, denn unsere Klienten kommen oft aus Krisengebieten, in denen die Religion selbst Teil des Konflikts ist. Ihre religiösen und spirituellen Fundamente wurden erschüttert und es kann hilfreich sein, wenn sie sehen, wie ein Christ seinen Glauben im Alltag lebt.

Daniel: Wir müssen im Umgang mit den uns anvertrauten, verletzlichen Menschen wie Kindern oder Flüchtlingen sehr vorsichtig sein, da wir rasch in den Bereich der Manipulation oder des Zwangs geraten können.

Wie leben Sie persönlich Ihren Glauben im Alltag aus?
Daniel: Als ich selbst Institutionsleiter war, zeigte sich mein Glaube vor allem im Umgang mit bestimmten Situationen. Wenn ich zum Beispiel vor einer schwierigen Situation mit einem Mitarbeiter stehe, dann habe ich die Hoffnung, dass eine Lösung gefunden wird. Dieses Vorgehen hängt von meinem Glauben oder meiner Vision ab, dass Gott jeden Menschen mit Würde geschaffen hat und das Evangelium eine Botschaft der Hoffnung ist. Für mich gehört es zu meiner Überzeugung, dass ich jemanden nicht wegschicke, nur weil er nicht gleich denkt wie ich. Das heisst nicht, dass ich ausdrücklich über meinen Glauben spreche, aber meine Art, wie ich mit einem Mitarbeiter umgehe, ist beeinflusst von dem Bild, das ich von den Menschen habe. Da können wir viel einbringen. Wir können nicht immer „christliche Taten wie Beten, Singen oder das Teilen des Glaubens“ vollbringen, das Christsein spiegelt sich in unserer Art des Handelns wider, in dem ich dem Anderen zum Beispiel mit Wertschätzung begegne, einen würdigen Kontakt pflege oder ein Zeichen der Hoffnung weitergebe. So kann ich meinen Beitrag als Christ leisten.

Lukas: Auch wenn wir nicht direkt predigen können, haben wir doch die Möglichkeit, viele Dinge auszuleben. Für mich spielen meine Überzeugungen jeden Tag eine Rolle. Wenn ich zum Beispiel jemanden tröste, dann geschieht dies im Einklang mit meinem Glauben, ohne dass ich christliche Begriffe verwenden muss. Gerade wegen meines Glaubens kann ich die Menschen trösten und ihnen Hoffnung schenken. Jeder Mitarbeiter kann, muss aber nicht, seinen Glauben in kleinen Dingen leben, die manchmal unsichtbar sind. Das kann machtvoll sein.

Daniel: Ja, ich glaube, dass Christen auch in den kleinen Dingen etwas bewirken können. Wenn mir zum Beispiel jemand sagt: „Du bist so geduldig mit mir. Ich habe noch nie jemanden kennen gelernt, der so viel Geduld hat. Woher kommt das?“ Dann kann ich antworten, dass mir meine Überzeugungen helfen und dass Gott mir die Kraft dazu gibt. Das ist ein Zeugnis.

Autor
Interview: Sébastien Goetschmann

Publiziert am
13.3.2019